Ein Kunsthaus mit Haltung: Stade rückt Frauen ins Zentrum der Moderne

Ein Kunsthaus mit Haltung: Stade rückt Frauen ins Zentrum der Moderne

Mit der Ausstellung „Frauen machen Schule. Wegbereiterinnen der Moderne“ setzt das Kunsthaus Stade ein starkes Zeichen: Es öffnet den Blick auf ein lange übersehenes Kapitel der Kunstgeschichte und würdigt Frauen, die trotz struktureller Ausgrenzung entscheidend zur Entwicklung der Moderne beigetragen haben. Vom 24. Januar bis 25. Mai 2026 wird das Kunsthaus zu einem Ort der Wiederentdeckung, der Anerkennung und des Dialogs.

Minna Schwerdtfeger, Ausstellungsplakat, 1896, Mischtechnik, auf Karton, Privatsammlung, Foto: © Museen Stade, Carsten Dammann

Eine mutige Vision im Jahr 1891

Als staatliche Kunstakademien Frauen noch konsequent ausschlossen, gründete die Künstlerin Valesca Röver im Jahr 1891 im Herzen Hamburgs eine private Kunstschule für Frauen. Inspiriert von ihrer eigenen Ausbildung an der renommierten Académie Julian in Paris, schuf sie einen Raum, in dem künstlerische Begabung unabhängig vom Geschlecht gefördert wurde – ein revolutionärer Schritt für die damalige Zeit.

Kunstunterricht im Zentrum des Geschehens

Nach ersten Jahren an der Stadthausbrücke fand die Schule ihren prägnantesten Standort am Glockengießerwall 23, direkt gegenüber der Hamburger Kunsthalle. Diese räumliche Nähe zum kulturellen Zentrum der Stadt war mehr als symbolisch: Die Schülerinnen arbeiteten mitten im künstlerischen Leben Hamburgs und waren Teil eines pulsierenden Netzwerks aus Ausstellungen, Diskussionen und neuen Ideen.

Foto aus der Malschule Gerda Koppel, 1910, Fotograf*in unbekannt

Moderne als Lehrprinzip

Der Unterricht an Rövers Schule war konsequent auf den Aufbruch in die Moderne ausgerichtet. Junge, progressive Künstler wie Ernst Eitner und Arthur Illies brachten Einflüsse des Impressionismus, neue Farbauffassungen und innovative Bildthemen ein. Neben klassischer Malerei lernten die Schülerinnen auch Drucktechniken, Kunstgewerbe, plastisches Modellieren sowie Akt- und Wandmalerei – ein für Frauen damals außergewöhnlich umfassendes Ausbildungsangebot.

Lernen mit der Natur und der Stadt

Zum pädagogischen Konzept gehörte auch das Arbeiten außerhalb des Ateliers. Jedes Jahr zog die Schule für mehrere Wochen aufs Land, um direkt nach der Natur zu malen. Unterstützt wurde das ambitionierte Programm unter anderem von Alfred Lichtwark, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, der die Bedeutung dieser Ausbildung früh erkannte und förderte.

Harriet Wolf, Blick aus der Kunstschule Gerda Koppel auf Glockengießerwall und Ferdinandstor, 1919, Öl auf Pappe, Kunstsammlung Hamburger Sparkasse, Foto: © Museen Stade, Carsten Dammann

Künstlerinnen, die Geschichte schrieben

Aus der Schule gingen zahlreiche Künstlerinnen hervor, die das kulturelle Leben Hamburgs und darüber hinaus prägten. Namen wie Alma del Banco, Gretchen Wohlwill, Harriet Wolf, Lore Feldberg-Eber oder Annemarie Ladewig stehen für eine Generation von Frauen, die sich ihren Platz in der Kunstwelt erarbeiteten – oft gegen erhebliche Widerstände, aber mit großer künstlerischer Eigenständigkeit.

Frauen führen weiter, was Frauen begannen

1904 übergab Valesca Röver die Leitung der Schule an ihre ehemalige Schülerin Gerda Koppel, die die Institution über drei Jahrzehnte erfolgreich führte. Später setzte Gabriele Stock-Schmilinsky die Arbeit bis 1954 fort. Die Schule blieb damit über Jahrzehnte ein kontinuierlicher Ort weiblicher Selbstermächtigung und künstlerischer Ausbildung.

Ein verborgener Kunstschatz wird sichtbar

Die Ausstellung im Kunsthaus Stade basiert auf intensiver Forschungsarbeit. Archive wurden durchforstet, Netzwerke rekonstruiert und Werke in Privatsammlungen sowie Familiennachlässen aufgespürt. Viele der gezeigten Arbeiten werden erstmals öffentlich präsentiert – ein sensationeller Einblick in eine bislang kaum bekannte weibliche Kunstszene der Moderne.

Annemarie Ladewig, Tänzerin, undatiert (1940er-Jahre), Aquarell auf Papier, Sammlung Dr. Maike Bruhns, Foto: © Museen Stade, Carsten Dammann

Netzwerke statt Einzelkämpferinnen

„Frauen machen Schule“ erzählt nicht nur individuelle Biografien, sondern macht auch die künstlerischen und sozialen Netzwerke sichtbar, die diese Frauen trugen. Lehrer, Förderer, Mitschülerinnen und Institutionen werden als Teil eines lebendigen Gefüges gezeigt, das entscheidend zum Erfolg der Künstlerinnen beitrug.

Ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Um die historische Perspektive in die Gegenwart zu öffnen, wurde die Hamburger Künstlerin Anne Bracht eingeladen. Mit ihrer Tape Art setzt sie die Werke und Stilrichtungen der historischen Künstlerinnen in Beziehung zueinander und übersetzt sie in eine zeitgenössische Bildsprache. So entsteht ein spannender visueller Dialog über Generationen hinweg.

 

Alma del Banco, ohne Titel, undatiert (um 1918), Öl auf Leinwand, Sammlung Tobeler, Foto © Museen Stade, Carsten Dammann

Eine Ausstellung mit Strahlkraft

Mit dieser Ausstellung beweist das Kunsthaus Stade erneut seine kuratorische Stärke und seinen Mut zur Neuperspektivierung. „Frauen machen Schule. Wegbereiterinnen der Moderne“ ist mehr als eine historische Schau – sie ist eine längst überfällige Würdigung, eine Einladung zum Umdenken und ein inspirierender Beitrag zur aktuellen Diskussion über Sichtbarkeit und Gleichberechtigung in der Kunst.

Kunsthaus Stade

Frauen machen Schule – Wegbereiterinnen der Moderne

24. Januar bis 25. Mai 2026

Adresse

Wasser West 7
D-21682 Stade
T +49 (0) 4141 79 773 20
F +49 (0) 4141 79 773 99
info(at)museen-stade.de
www.museen-stade.de

 

 

 

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